Daughters of Time

Wir leben in einer freien Welt. Doch was heisst eine freie Welt? Frei von was? Im Vergleich zu vorangehenden Jahrhunderten sind wir frei von der Pflicht jemanden zu heiraten. Frei davon, beruflich in die Fussstapfen unserer Eltern treten zu müssen. Frei davon, die Religion eines Landes oder einer Region annehmen zu müssen. Was wir dabei aber vergessen: Wo Freiheit ist, gibt es auch Verantwortung. Wofür sind wir also verantwortlich?

Starten möchte ich mit dem Wort «Verantwortlich». Im Wort selber ist das Wort «Antwort» enthalten. Das französische Wort «responsabilité» zeigt diese Herkunft ebenfalls auf: l'habilité de répondre» (die Fähigkeit zu antworten). Wenn wir also Verantwortung übernehmen, geben wir Antwort auf etwas.
Worauf geben wir denn Antwort, fragst du dich vielleicht jetzt? Auf unsere Umwelt oder unser Handeln. Hannah Arendt hat in ihrem Buch «Vita activa oder vom tätigen Leben» neben der Arbeit, auch das «Handeln» und dessen Konsequenzen untersucht und ist zum Schluss gekommen, dass wir Menschen keine Handlung je ganz zu Ende denken können. Sprich jede Handlung hat absehbare und nicht absehbare Konsequenzen. Die Frage ist: Für was müssen wir Verantwortung übernehmen und für was nicht?

«Vernunft entwickelt sich nur in der Freiheit, und zwar nicht nur in der Freiheit von äußeren Zwängen, sondern auch in der von inneren Zwängen des Verhaftetseins in all seinen Erscheinungsformen.»

Erich Fromm
Freiheit wählen oder nicht wählen

Grundsätzlich ist das eine philosophische Frage. Und ich denke, wir werden nie alle auf dieselbe Antwort kommen. Für mich ist Verantwortung übernehmen mehr als Entscheidungen zu treffen. Es ist auch, mit den Konsequenzen zu leben. Mir fehlt das in der Politik und in der Gesellschaft generell. Wir entscheiden gerne, möchten dann aber die Konsequenzen nicht tragen. Darum entscheiden wir dann manchmal auch einfach gar nicht. Wir lassen «geschehen», gehen mit dem «flow». Aber eigentlich ist es auch eine Wahl: Wir wählen, dass andere entscheiden und wir nehmen, was kommt. Was auch mal schön sein kann.
So kannst du Freiheit wählen oder nicht wählen. Du kannst wählen frei zu entscheiden und frei zu sein. Du kannst aber auch wählen, nicht frei zu sein und dich unterzuordnen. Freiwillige Unterordnung wird also auch als Freiheit eingestuft, wobei ich hier nicht wirklich sicher bin, ob es tatsächlich «frei» ist, sich unterzuordnen. Ich glaube eher, dass Menschen, die sich freiwillig unterordnen Halt suchen, weil sie diesen in sich selber nicht finden können. Aber da ich diese These nicht wissenschaftlich belegen kann, lasse ich sie hier einfach stehen und du kannst entscheiden, ob du das auch so siehst, oder eben nicht.

Und oft entscheiden wir aus Angst

Angst zu kurz zu kommen, Angst man könnte etwas verpassen, Angst der andere könnte einen dann doof finden, Angst verurteilt zu werden... Ich könnte hier noch etliche Beispiele von Angst aufführen. Ängste sind innere Zwänge und zeigen sich emotional nicht immer in Form von Angst. Manchmal ist es Neid, manchmal Wut, manchmal Trauer. Emotionen sind im Kern nicht immer das, was sie scheinen. Sich ehrlich einzugestehen, was man eigentlich fühlt, ist schwierig geworden. Wird uns doch andauernd suggeriert, wir müssten permanent glücklich und fröhlich sein und Wut und Neid seien «schlechte» Emotionen. Auch ich bin manchmal wütend oder neidisch. Und mittlerweile kann ich es mir auch eingestehen, wenn es so ist. Doch das war harte Arbeit. Und diese Arbeit habe ich nur hinbekommen, dank guten Freunden und meiner Familie, mit denen ich über genau diese Gefühle sprechen konnte. Vor allem zwischen Geschwistern sind solche Gespräche unglaublich kraftvoll und verbindend, wenn sich beide darauf einlassen können.


Courage zeigen und verzeihen

Was Hannah Arendt in ihrem Buch auch anspricht ist, dass wir, wenn wir handeln und die Konsequenz keine Schöne ist, nur noch verzeihen können. Sowohl uns selber, als auch den Anderen gegenüber. Ich glaube, dass das auch eine Art Verantwortung ist. Und finde, es gibt nichts couragierteres, als eigene Fehler einzugestehen, die Konsequenzen zu tragen und um Verzeihung zu bitten.
Ich würde mir wünschen, wir würden wirklich hinschauen. Und zwar jeder zuerst bei sich selber. Wenn jeder Verantwortung für sich übernimmt, ist schon viel getan auf dieser Welt. Wenn wir uns nicht hinter Institutionen, der anonymen Masse und Religionen verstecken, sondern hier auf Erden für uns Verantwortung übernehmen. Nicht andere sind für dein Leben verantwortlich, nur du allein. Die Gesellschaft besteht aus lauter Individuen, das hat schon Erich Fromm erkannt. Das heisst nicht, dass du abgetrennt und alleine dein Leben leben musst. Wir sind Menschen und auch auf soziale Kontakte angewiesen, um zu überleben. Wir sind Schöpfer und Geschöpf und leben im Spannungsfeld unseres Handelns und der Handlungen anderer.
Ich möchte dir damit Mut machen: Nimm die Freiheit in deine Hände und lebe mit Freude und Hingabe. Du hast genug Platz, auch wenn du anderen ihren Platz lässt. Gib dein Bestes, sei ehrlich und vertraue dir, dass du mit Freiheit und Verantwortung umgehen kannst. Und falls du doch mal Fehler machst, habe die Courage die Konsequenzen zu tragen, bitte dich und andere um Verzeihung.
So jedenfalls, stelle ich mir eine liebevolle, humane Welt vor. /fm

*Inspirationsquellen: Erich Fromm, Hannah Arendt, Ivo Muri

Abendstimmung und eine unscharfe Hand wird in den Himmel gestreckt.

Foto: Bryan Minear

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